Skip to main content

2000 Haushalte müssen mit Chlor im Trinkwasser leben

Donauwörth: Im Juli 2020 sind Colibakterien ins Trinkwasser gelangt. Einen neuen Hochbehälter wird es wohl erst in einem Jahr geben.

von Florian Fuchs, sueddeutsche.de vom 15.02.2021 - 08:23 Uhr, zuletzt abgerufen am 15.02.2021 um 16:09 Uhr 

Es sei natürlich eine Frage der subjektiven Einschätzung, sagt Donauwörths Oberbürgermeister Jürgen Sorré, andere mögen da empfindlicher sein. Er selbst aber bemerke das Chlor so gut wie gar nicht mehr. Vielleicht mal bei einer heißen Dusche, wenn viel Dampf aufsteigt - im Kaffee, Tee oder im Nudelwasser aber "kein Problem, das schmecke ich nicht." Seit Monaten versetzt die Stadt für etwa 2000 Haushalte das Trinkwasser mit Chlor, unter anderem der Oberbürgermeister selbst wohnt im betroffenen Gebiet.

Colibakterien sind ins Wasser gelangt, die Verunreinigung lässt der Stadt keine andere Wahl, als es zu chloren. Und das wird wohl auch noch ein Jahr lang so weitergehen - bis ins erste Quartal 2022. Erst dann steht ein neuer Hochbehälter, und der alte, in dem Experten das Problem vermuten, kann vom Netz gehen. 

Für eine ziemlich lange Zeitdauer müssen die betroffenen Bürger Donauwörths also noch mit der Beeinträchtigung ihres Trinkwassers zurechtkommen. Dabei ist es eher ein schwacher Trost, dass auch andere Orte in Bayern ähnliche Probleme haben. In Gersthofen im Landkreis Augsburg etwa wird seit Oktober 2019 das Trinkwasser gechlort. Es ist sehr aufwendig, die Stelle zu orten, an der Verunreinigungen ins Trinkwasser eindringen, weshalb sich Städte und Gemeinden in solch einem Fall schwer tun und die Problembehebung Monate dauert, wenn nicht gar Jahre.

In Donauwörth etwa gibt es ein Netz von mehr als 160 Kilometern Leitung für die Trinkwasserversorgung der Stadt. "Wir konnten relativ schnell eingrenzen, dass der alte Hochbehälter in der Parkstadt das Problem sein muss", sagt Oberbürgermeister Sorré. Trotzdem standen noch 40 Kilometer Leitungsnetz zur Untersuchung an.

Der betroffene Hochbehälter hat zwei Kammern. Bald war klar, dass in der kleineren Kammer Fremdwasser eintritt, also verunreinigtes Grundwasser. Doch der Fall ist komplizierter als gedacht: Die Stadtwerke nahmen die Kammer vom Netz, damit aber war das Problem nicht behoben. Zweimal hat die Stadt die Leitungen mit einer erhöhten Chlorkonzentration gespült, um die Keime abzutöten. Geholfen hat es nichts.

Laut Sorré gehen Experten inzwischen davon aus, dass auch in der größeren Kammer des Hochbehälters ein Problem besteht, das aber nicht genau zu identifizieren ist. "Wir sind uns ziemlich sicher, suchen aber parallel weiter." Ein neuer Hochbehälter war ohnehin schon in Planung, dessen Fertigstellung aber dauert noch etwa ein Jahr. Sechs Millionen Euro kostet das Projekt, was die Stadt aber nicht alleine schultern muss. Es gibt Förderungen.

Ständig Wasser abkochen? Das sei unzumutbar

Bereits Anfang des Jahres 2020 hatte Donauwörth Probleme mit dem Trinkwasser gehabt, es waren damals aber andere Haushalte im Stadtgebiet betroffen. Diese Haushalte mussten ihr Trinkwasser abkochen, bevor Ende Februar die Entwarnung kam. Auch beim jetzt bestehenden Problem, das im Juli aufkam, mussten die Bürger ihr Trinkwasser einige Zeit lang abkochen, bevor die Stadt schließlich die Dauerchlorung einleitete.

"Das Wasser ständig abzukochen ist keinem über einen längeren Zeitraum zuzumuten", sagt der Oberbürgermeister. Sorré berichtet, dass sich zu Beginn einige Bürger beschwert hätten, der Unmut war groß. Mit der Zeit habe sich das gelegt, inzwischen gingen nur noch einzelne Beschwerden bei ihm ein.

"Ich kann jeden Einzelnen verstehen", sagt Sorré, mancher Bürger habe auch schon wegen Schadenersatz angefragt. Da aber muss die Stadt die Betroffenen enttäuschen. Gesetzlich ist jede Kommune verpflichtet, ihren Bürgern Wasser in Trinkwasserqualität zur Verfügung zu stellen, als Gegenwert für die Wassergebühren.

Durch das Chlor ist die Trinkwasserqualität bis zum Bau des neuen Hochbehälters gesichert - so unangenehm es mancher Bürger auch empfinden mag. Auch gesundheitlich ist das zugesetzte Chlor unbedenklich: Nach dem Stand der Technik ist die Chlorung ein zugelassenes und bewährtes Verfahren zur Desinfektion von Trinkwasser. Selbst für die Zubereitung von Babynahrung ist es geeignet.

Allerdings könnten Geschmacks- und Geruchsveränderungen auftreten, warnt die Stadt, die insbesondere Babys die bislang gewohnten Mahlzeiten verleiden könnten. Und auch blondierte Menschen könnten vereinzelt Probleme bekommen: Bei der Kombination von Blondierung und gechlortem Wasser, heißt es, kann es zu einer Farbveränderung der blondierten Haarpartien kommen - es entsteht dann ein Grünstich.